Рец.: Э. Г. Дементьев. Роман Великой Французской революции

1970 > Deutsche Literaturzeitung, Berlin, 1970, Н. 12, S. 1051– 1054. (У співавторстві з В. С. Алексєєвим-Поповим.)

Э. Г. Дементьев, «Роман Великой французской революции». Владивосток: Дальневосточное книжное изд., 1969. 130 с. 8° [E. G. Dement’ev, Der Roman der Großen Französischen Revolution.] R 1,26.

Dieses Buch zeichnet sich vor allem durch die Neuheit des Materials aus. Durchaus begründet weist E. G. Dement’ev darauf hin, daß die Literaturwissenschaftler bisher nur einige Probleme der Geschichte des französischen Romans aus der Zeit der Revolution des 18. Jahrh. untersucht haben (und bei weitem nicht in wünschenswertem Umfang), weshalb eine ganze „Welt“ ihrer Aufmerksamkeit verborgen geblieben ist (S. 20). Indessen meinen wir, daß eine derartige möglichst umfassend und allseitig vorgenommene Untersuchung nottut. Ist sie doch nicht nur auf konkret-erkenntnismäßiger, informativer Ebene äußerst wichtig, sondern auch auf theoretischer Ebene, denn sie bringt Licht in den immer komplizierten, vielfach mittelbaren Prozeß der Widerspiegelung der revolutionären Wirklichkeit im künstlerischen Schaffen, deckt die Veränderungen im Charakter seiner eigentlichen Methoden auf usw.

Es ist dem Verf. gelungen, in Bibliotheken der UdSSR mehr als 200 Romane, die in Frankreich in den Jahren von 1789 bis 1794 geschrieben und herausgegeben wurden, ausfindig zu machen und zu untersuchen. Das stellt in quantitativer Hinsicht eine Basis dar, die ausreicht, um nicht nur eine Reihe spezieller Beobachtungen zu machen, sondern auch zu Schlußfolgerungen verallgemeinernden Charakters zu gelangen. Dabei ist die Beharrlichkeit und Intuition des Forschers anzuerkennen, der eine bedeutende Anzahl wenig bekannter und unbekannter Werke der künstlerischen Prosa zum ersten Mal der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorstellte, wodurch der Horizont der Erforschung des gegebenen Themas beträchtlich erweitert wurde. Positiv zu bewerten ist auch der Umstand, daß der Verf. systematisch die Einschätzungen auswertet, die diesem oder jenem Roman von der damaligen Presse der verschiedenen Richtungen zuteil wurden.

Aus diesem Grund verdient D.s Buch die Beachtung der Romanisten wie auch der auf dem Gebiet der Französischen Revolution arbeitenden Historiker, die bislang bei der Untersuchung des ideologischen Lebens dieser Epoche leider einen so wichtigen Bereich des gesellschaftlichen Bewußtseins wie die künstlerische Literatur nicht in ihr Blickfeld einbezogen haben.

Das Herangehen des Verf.s an das zu untersuchende Material wird durch die historische Betrachtungsweise charakterisiert. Sie liegt nicht nur dem ersten, einleitenden Kapitel „Die Evolution des Romans und die Etappen der revolutionären Bewegung“, sondern auch den folgenden sechs Kapiteln zugrunde, in denen der Verf., indem er die Werke nach von ihm herausgestellten gattungsmäßigen Unterschieden gruppiert, den philosophischen, revolutionär-patriotischen, satirischen, exotischen, psychologischen Roman und den sozialen Sittenroman betrachtet. Weitaus kürzer geht der Verf. auf die erbauliche und die historische Gattung ein, da er diesen Fragen bereits zwei detaillierte Artikel gewidmet hat.

Aus den von ihm untersuchten Fakten zieht D. den unanfechtbaren Schluß, daß die Entwicklung des Romans nicht mit der Entwicklung der Revolution zusammenfällt. Die künstlerische Prosa erreicht den Höhepunkt am Ende der ersten Periode der Revolution (1789–1792), während deren Kulminationsperiode die Zeit der Jakobinerdiktatur (1793–1794) war. Es besteht Veranlassung, dem Verf. beizupflichten, der im Sturz dieser Diktatur nicht das Ende der Revolution sieht, sondern nur die gewaltsame Unterdrückung ihrer in aufsteigender, demokratischer Linie begriffenen Entwicklung. Wenn sich auf dem Gebiet des Klassenkampfes zwischen den plebejischen Massen und der antidemokratischen Bourgeoisie im Laufe des folgenden Jahrfünfts so bedeutsame Ereignisse vollziehen wie die Aufstände im Germinal und Prairial des Jahres 1795 und die Bewegung der „Gleichen“ unter der Führung Babeufs, so findet auf dem Gebiet der künstlerischen Prosa gerade zu dieser Zeit die Revolution (natürlich außer ihrer jakobinischen Etappe) im Roman ihre direkteste Widerspiegelung. Auf diese Weise hatte bis zum Jahr 1794 der Roman erst die Hälfte seines Entwicklungsweges zurückgelegt, und der Verf. betrachtet deshalb das vorliegende Buch als den ersten Teil einer Untersuchung, die auch einen zweiten Teil einschließen wird, der dem Roman der Jahre 1794 bis 1799 gewidmet ist.

Die historische Betrachtungsweise zeigt sich auch in der Auffassung vom realen Beziehungsverhältnis der im Roman der besagten Epoche einander bekämpfenden und faktisch synkretistisch nebeneinander existierenden verschiedenen künstlerischen Methoden. Der Verf. schmälert keineswegs die Bedeutung des Erbes der künstlerischen Methode der Aufklärer und Rationalisten, indem er zeigt, daß diese in der ersten Etappe der Revolution deutlich überwog. Dabei scheint uns jedoch die vom Verf. aufgestellte kausale Abhängigkeit zwischen der Besonderheit des ideologischen Kampfes in den Jahren 1789 bis 1791 (dem Fehlen einer sozialen, klassenmäßigen Abgrenzung in der Auffassung von den Zielen, Losungen der Revolution) und dem Überwiegen des Abstrakten, der Spekulation in der künstlerischen Prosa allzu geradlinig abgeleitet zu sein. Das gilt auch für die Schlußfolgerung über den Zusammenhang zwischen dem Kampf innerhalb des dritten Standes und der Verstärkung der psychologischen Analyse im Roman. Die weitere Untersuchung eines solchen Beziehungsverhältnisses muß die Existenz subtilerer, mittelbarer Zusammenhänge feststellen.

Von den Kapiteln, die den einzelnen gattungsmäßigen Modifikationen gewidmet wurden, sind am ausführlichsten diejenigen, die den in den ersten Jahren der Revolution quantitativ vorherrschenden didaktischen und allegorischen, philosophischen Roman sowie den revolutionär-patriotischen Roman behandeln. Im ersten Fall lenkt die Analyse des Romans „La République“ von J. B. C. Delisle de Sales die Aufmerksamkeit auf sich, der am 1. Januar 1791 beendet wurde und dessen Handlung im Jahr 1789 spielt. Im zweiten dieser Kapitel sind die zahlreichen Feststellungen des Verf.s einerseits über Erscheinungen der Nähe dieser Gattung zur revolutionären Publizistik, andererseits über die Prozesse der Transformation dieser Gattung wertvoll, die in der Zeit der Revolution von der konventionellen Darlegung des Materials („La Pariseide“) zur „konkret-milieuhaften, historisch lokalisierten Narration“ (S. 64) übergeht.

Es muß jedoch gesagt werden, daß die vom Verf. vorgeschlagene Klassifizierung in der vorliegenden Form nicht als befriedigend angesehen werden kann, denn ihr fehlt das Wesentliche – ein einheitliches Einteilungsprinzip. So erscheint in einem Fall als solches Prinzip die künstlerische Manier (der „philosophische“ Roman), in einem anderen der Ort der Handlung, die Problematik („exotisch“), in einem dritten die gesellschaftlich-politische Position des Autors („revolutionär-patriotisch“). Das in dem Buch untersuchte Material selbst beweist, daß derartige Merkmale und Parameter zusammenfielen, sich kreuzten. Deshalb muß der Verf. bei seiner weiteren Arbeit in erster Linie eine exaktere Klassifizierung vornehmen.

Auffallend ist auch die Tatsache, daß der Verf. sich benachbartem Material lediglich sporadisch zuwendet. Indessen wäre für die Betrachtung solcher gattungsmäßigen Modifikationen wie des revolutionär-patriotischen oder des satirischen Romans (nach der Klassifizierung D.s) die konkrete Berücksichtigung des Inhalts der revolutionären Dramatik besonders notwendig. Es wäre wünschenswert, daß im weiteren die Entwicklung des französischen Romans jener Jahre im gesamteuropäischen literarischen Kontext betrachtet würde. So ist die Frage nach der Einwirkung der englischen aufklärerischen Tradition auf den sozialen Sittenroman von Interesse. Der Verf. beschränkte sich auf eine flüchtige Bemerkung über den Einfluß Richardsons; es ist jedoch schwer vorstellbar, daß im Frankreich dieser Zeit die Erfahrung Fieldings, Smolletts, Sternes gänzlich ignoriert wurde.

Odessa
V. S. Alekseev-Popov / M. G. Sokoljanskij