1971 > Deutsche Literaturzeitung, Berlin, 1971, H. 12, S. 1016–1018.
Проблемы просвещения в мировой литературе. Ред. Н. А. Вишневская, В. Д. Кузьмина, С. В. Тураев. Mосква:,,Hаука" 1970 [Probleme der Aufklärung in der Weltliteratur. Red. N. A. Višnevskaja, V. D. Kuz'- mina, S. V. Turaev.] 353 S. 8° R 1,69.
In letzter Zeit hat sich die sowjetische Literaturwissenschaft in verstärktem Maße der Erforschung von Literatur und Kunst der Aufklärung zugewandt. Ausdruck hierfür ist eine zunehmende Anzahl entsprechender Veröffentlichungen, unter denen vorliegender Band besondere Beachtung verdient, dessen thematisches Schwergewicht auf den Problemen der künstlerischen Methode liegt.
Eröffnet wird der Band durch die Abhandlung des verantwortlichen Hrsgs. S. V. Turaev „Streitfragen der Aufklärungsliteratur“, in der T. eine Differenzierung der beiden für die Aufklärung synonym gebrauchten Begriffe „prosveščenie“ und „prosvetitelsvo“ vornimmt, wobei er unter ersterem eine breite ideologische Bewegung versteht, in deren Rahmen die Kunst eine Komponente bildet. Bei all ihrer Verschiedenheit stellt T. doch eine Reihe gemeinsamer typologischer Merkmale der englischen, französischen und deutschen Aufklärungsliteratur fest. T. führt überzeugende Argumente gegen eine Verengung des Realismus-Begriffs ins Feld und hebt gegen die Datierung der Anfänge des Realismus in die 30er Jahre des 19. Jahrhs gewandt mit Recht den „aufklärerischen Realismus“ als eine besondere literarische Strömung hervor. Dabei stützt er sich nicht nur auf das literarische Schaffen (Defoe, Fielding, Smollett), sondern auch auf ästhetische Untersuchungen (Fielding, Diderot, Lessing).
J. B. Vipper handelt „Über Kontinuität und Spezifik des Realismus der Renaissance und der Aufklärung in der westeuropäischen Literatur“, indem er anhand eines typologischen Vergleichs der künstlerischen Leistungen des 18. Jahrhs mit denjenigen der Renaissance einige Besonderheiten der Aufklärungsliteratur im Westen präzisiert. Neben der allgemeinen Zielsetzung dieses Beitrages sind einzelne Beobachtungen zur Entfaltung des Memoirengenres vom Mittelalter bis zum 18. Jahrh. besonders bemerkenswert.
Ein Abschnitt ist der Untersuchung der nationalen Eigenarten des aufklärerischen Klassizismus in der deutschen, russischen, polnischen und ungarischen Literatur gewidmet (S. Turaev, K. Pigarev, E. Kurbatova und der Ungar J. Szauder). Die Intention dieser Beiträge hat T. in folgende Worte gefasst: Man darf den Klassizismus auf keinen Fall als einen Ausdruck des Konservatismus und des Epigonentums hinsichtlich der Ästhetik des 18. Jahrhunderts betrachten“ (S. 89).
Den Abschnitt „Die Aufklärung in der westeuropäischen Kunst“ leitet die Arbeit „Über den aufklärerischen Realismus in der Kunst des 18. Jahrhunderts“ von A. Cegodaev ein. C. bestreitet die traditionellen Versuche, den Rokokostil als dominierend in der Entwicklung der europäischen Malerei, Graphik und Bildhauerei des 18. Jahrhs darzustellen. Es folgen Aufsätze von T. Livanova „Die Musik in der Aufklärungsperiode“ und von E. Cjornaja „Die Rolle des musikalischen Dramas in der Kultur der Aufklärung“.
Unter dem Aspekt der gegenwärtigen Diskussion, ob es richtig sei, von einer Aufklärung in den Ländern des Orients zu sprechen, ist der Abschnitt „Streitfragen über die Aufklärung im Orient“ von Interesse. V. Semjanov hält das Bestehen einer langwährenden Aufklärungsepoche in der Geschichte der chinesischen Kultur für ein unleugbares Faktum. Mit mehr Vorsicht äußert sich N. A. Višnevskaja, indem sie darauf hinweist, dass sich in der indischen Kultur des 19. Jahrhs Tendenzen der Aufklärung mit Bestrebungen der Renaissance und sogar der Romantik verflochten haben. In einem gewissen Verhältnis zur Diskussion über die Aufklärung im Orient steht der kurze Aufsatz von L. Syčjov „Die traditionelle Symbolik der Gegenstände und der Namen in dem Roman von Cao Xuejin „Traum der roten Kammer““.
Unter den Beiträgen, die in dem Abschnitt „Über den Charakter des russischen aufklärerischen Realismus“ zusammengefasst sind, ist die Arbeit von A. Elistratova „Gogol und die Aufklärung (‚Die toten Seelen‘ und der englische Aufklärungsroman)“ besonders bemerkenswert. Das ist die einzige Abhandlung des Sammelbandes, in der – auf der Basis von konkretem Material – das Problem der russisch-westeuropäischen literarischen Beziehungen aufgeworfen wird. Nach E. findet die innere Verwandtschaft mit dem Realismus der Aufklärung und mit ihren Auffassungen von der Natur des Menschen einen stärkeren Ausdruck im Schaffen Gogols als bei einigen seiner Zeitgenossen wie Balzac oder Thackeray. Die Verfn stellt eine gewisse typologische Nähe der „Toten Seelen“ zu den „Komischen Epopöen“ von Fielding fest, teilweise auch zu den satirisch-sozialen Romanen von Smollett.
Drei weitere Aufsätze aus diesem Abschnitt sind durch ihre Polemik untereinander verbunden. N. Stepanov stellt in seiner Arbeit, die an Gedanken von S. Turaev anklingt, einen besonderen Typus des Realismus in der russischen Literatur heraus, den „aufklärerischen Realismus“, und versucht, dessen nationale Eigenart festzustellen. Gegen den Terminus „aufklärerischer Realismus“ erhebt G. Makogonenko in dem Beitrag „Der russische Realismus im Anfangsstadium“ Einspruch. Anhand der Werke von Novikov, Fonvisin und Radiščev begründet er seine Auffassung, man könne hier den Begriff Realismus ohne jegliche Einschränkung verwenden. Zum Schluss erhebt D. Blagoj in einem kurzen Aufsatz Einspruch gegen diese zu weite Fassung des Begriffs Realismus, wobei er die erwähnte Erscheinung in der russischen Literatur des 18. Jahrhs als den „russischen Vorrealismus“ qualifiziert.
Zwar leidet die Geschlossenheit dieses inhaltlich reichen Sammelwerkes unter der Polemik zwischen den verschiedenen Autoren nicht, aber die Auseinandersetzung wäre fruchtbringender geworden, hätten die Kontrahenten dieselben Begriffe (z. B. „Realismus“) auch in derselben Bedeutung verwendet. Diskussionen solcher Art unterstreichen nochmals die Notwendigkeit, in der Literaturwissenschaft eine präzise Terminologie auszuarbeiten.
Es sei noch auf die mustergültige wissenschaftliche Gestaltung des Bandes hingewiesen; davon zeugen der umfangreiche Anmerkungsapparat, die wertvolle Bibliographie und die Illustrationen.
Odessa
M. Sokoljanskij