Рец.: Сервантес и мировая литература. М.: Наука, 1969

1971 > Deutsche Literaturzeitung, Berlin, 1971, H. 2, S. 112–114.

Сервантес и всемирная литература. Под ред. Н. И. Балашова, А. Д. Михайлова, И. А. Тертерян. Москва: Изд. «Наука» 1969. 300 S. 8° [Cervantes und die Weltliteratur.] R 1,51.

Dieser Sammelband bietet die ergänzten Ausführungen, gehalten auf der am Institut für Weltliteratur der Akademie der Wissenschaften der UdSSR im Mai 1966 veranstalteten Cervantes-Konferenz. Der Band ist dem Andenken des bedeutenden spanischen Philologen Ramón Menéndez Pidal aus Anlass der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages gewidmet.¹)

Der erste Teil des Buches befasst sich mit Problemen von Cervantes’ Schaffen und des ideellen Kampfes in der westlichen Cervantes-Forschung des 20. Jahrhunderts. Eröffnet wird er von einem ausführlichen Aufsatz N. Balašovs: „Cervantes und die gegenwärtige Wissenschaft im Westen“. Auf Grund des Studiums zahlreicher Arbeiten und Urteile über Cervantes stellt der Verf. zwei Grundpositionen in der gegenwärtigen Cervantes-Forschung heraus. Die Vertreter der einen Position betrachten Cervantes’ Schaffen im Zusammenhang mit der humanistischen Kultur der Renaissance; zu ihnen gehören Menéndez Pidal, M. de Unamuno, Thomas Mann, eine Reihe von Forschern aus den sozialistischen Ländern. Auf der anderen Seite stehen Wissenschaftler (H. Hatzfeld, C. de Lollis u. a.), die in Cervantes einen Schriftsteller des Tridentinischen Konzils und der katholischen Gegenreformation sehen.

B. berührt die Diskussion über Renaissance und Barock in der modernen Wissenschaft, polemisiert mit den Versuchen, Cervantes der Kunst der Renaissance gegenüberzustellen. Dabei zeigt der Verf., daß objektiv die Theorie von der reaktionären Einstellung Cervantes’ entgegen den Absichten ihrer Adepten gewissermaßen die Rolle eines „Katalysators“ spielte, indem sie die vorwärtsstrebenden Kräfte der Hispanistik gegen sich vereinigte“. Von den Arbeiten der Wissenschaftler sozialistischer Länder hebt er die Bücher von K. N. Deržavin, L. E. Pinskij, M. P. Alekseev, W. Krauss) und das „Cervantes-Sonderheft“ der Beiträge zur romanischen Philologie 1967 hervor. Ein zweiter Aufsatz B.s ist einer spezielleren Frage gewidmet: „Persiles und Sigismunda im Licht der allgemeinen Probleme der Cervantes-Forschung“.

Mit dem ersten Aufsatz des Sammelbandes korrespondiert bis zu einem gewissen Grade die problemgeladene Arbeit I. A. Terterjans „Die philosophisch-psychologische Interpretation der Gestalt Don Quijotes und der Ideenkampf im Spanien des 20. Jahrhs“. Die Verf. setzt sich nicht die Analyse der historisch-literarischen Konzeptionen von Cervantes’ Schaffen zum Ziel, sondern ist bestrebt zu zeigen, wie die Gestalt des Ritters von der Mancha am ideellen Kampf unserer Epoche, am Zusammenprall politischer und philosophischer Theorien, der die spanische Gesellschaft des 20. Jahrhunderts erschüttert, teilhat. T. verfolgt, wie die Gestalt des Don Quijote sich vom Autor „losreißt“ und selbständig im ideellen Kampf funktioniert. In dem Aufsatz werden die Anschauungen einer Reihe bedeutender Schriftsteller und Gelehrter im Spanien unseres Jahrhunderts betrachtet; in interessanter Weise wird die im Jahr 1913 zwischen Ortega y Gasset und Unamuno geführte Polemik über Don Quijote dargestellt.

S. Bočarovs Arbeit „Über die Komposition des Don Quijote“ trägt analytischen Charakter. Noch gänzlich auf der inhaltlichen Ebene verharrend, sucht der Forscher den gedanklichen Aufbau von Cervantes, die Natur und die Verkettung der in der Welt von Cervantes’ Roman vereinigten verschiedenen Welten zu zeigen. Vollendet wird der erste Teil des Bandes durch die lakonische, aber an feinsinnigen Beobachtungen reiche Studie des Übersetzers N. M. Ljubimov „Cervantes – ein Meister des Wortes“. (Von N. Ljubimov stammen die jüngste und vollendetste Übersetzung des „Don Quijote“ ins Russische sowie eine vollständige Übersetzung des berühmten Romans von F. Rabelais.)

Der zweite Teil ist Problemen der Rezeption von Cervantes’ Schaffen und dem Fortleben der Cervantes-Tradition in anderen Nationalliteraturen gewidmet. Sehr inhaltsreich ist der Artikel „Henry Fielding und der Don Quijote“ von A. Elistratova. Die Aufmerksamkeit der Verf. konzentriert sich auf die schöpferische Aneignung und Interpretation des „Don Quijote“ durch den bedeutenden englischen Romancier und Dramatiker des 18. Jahrhunderts (die allgemeinere Frage nach der Rolle der Cervantes-Tradition in der Herausbildung des englischen aufklärerischen Romans betrachtet A. Elistratova in ihrer Monographie „Der englische Roman der Epoche der Aufklärung“, Nauka, Moskau 1967). Eingehend untersucht die Verf. die Komödie „Don Quixote in England“, das bedeutendste von den zahlreichen Werken der englischen Dramatik, die von „Don Quijote“ inspiriert wurden, und dem Roman The History of the Adventures of Joseph Andrews and of his Friend Mr. Abraham Adams. E. deckt bei Fielding eine kontinuierliche Verbindung mit Cervantes in zwei wichtigen Punkten auf – in der Bestimmung der Gattung seines Buches und in der Darstellung des Charakters eines der zentralen Helden, des Pastors Adams.

Über das stetige Interesse Prosper Mérimées für das Schaffen des spanischen Romanciers schreibt A. D. Michajlov in seinem ausführlichen Aufsatz „Cervantes und Mérimée“. Gegenstand des Überblicksartikels von A. N. Nikoljukin ist das Fortleben der Cervantes-Tradition in der amerikanischen Literatur vom Ende des 18. bis ins 19. Jahrhundert. Dem äußerst komplexen und wichtigen Problem „Cervantes und die russische Literatur“ sind drei Aufsätze gewidmet: E. N. Ljubimova „Cervantes und Turgenjew“, Z. I. Plavskin „A. N. Ostrowskij – ein Cervantes-Übersetzer“ und S. I. Belza „Don Quijote in der russischen Poesie“.

Den dritten Teil des Sammelbandes bilden drei interessante Publikationen. Den wichtigsten Platz darin nimmt der Text des glänzenden Vortrags des spanischen Gelehrten Marcelino Menéndez y Pelayo „Die literarische Kultur des Cervantes und seine Arbeit am ,Don Quijote’“ ein, den er am 8. Mai 1905 auf der Festsitzung anlässlich der Dreihundertjahrfeier des Romans Don Quijote gehalten hat. Ebenfalls dort publiziert sind die Skizzen des unvollendeten Dramas von Paul Vaillant-Couturier L’Errant Don Quichotte und die unveröffentlichten Szenen aus dem bekannten Stück Michail Bulgakows „Don Quijote“. Am Ende des Buches findet sich eine Bibliographie der russischen Übersetzungen und der kritischen Literatur über Cervantes aus den Jahren 1958–1967.

Gut illustriert, mit einem soliden Apparat versehen, ist der Band Cervantes und die Weltliteratur für Spezialisten, aber auch für alle jene zweifellos von Interesse, die das Schaffen des großen spanischen Schriftstellers beschäftigt.

Odessa
M. Sokoljanskij